{"id":1305,"date":"2019-06-03T18:40:21","date_gmt":"2019-06-03T16:40:21","guid":{"rendered":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/?p=1305"},"modified":"2019-06-30T22:19:33","modified_gmt":"2019-06-30T20:19:33","slug":"artisticparasitism-febenamara","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/artisticparasitism-febenamara\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerischer Parasitismus"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-1305\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-1305-0\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-1305-0-0\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><div id=\"pgc-1305-0-1\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-mobile-last\" ><div id=\"panel-1305-0-1-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\">\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eDie Stadtratte l\u00e4dt zum Mahle, auf t\u00fcrkischen Teppichen. Geladen ist die Landratte. Die beiden schmausen und knabbern Ortolanenreste. Es sind nur Reste, was so \u00fcbrigbleibt von einer Mahlzeit. [\u2026] Beim ersten Ger\u00e4usch an der T\u00fcr stieben die beiden Ratten auseinander. Es war nur ein Ger\u00e4usch, und doch eine Botschaft - wie eine Nachricht, die Panik s\u00e4t. Letztlich ein Bruch, eine Unterbrechung, eine St\u00f6rung der Kommunikation. Aber war dies Ger\u00e4usch wirklich eine Botschaft? War es nicht vielmehr ein Rauschen, ein Parasit? <\/span><span style=\"color: #000000;\">Wer hat hier am Ende das letzte Wort? Wer s\u00e4t Unordnung, wer stiftet eine neue, andere Ordnung?\u201c \u001f\u2013 Der Parasit, Michel Serres, S.11 (1987)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In Berlin unterdessen haben die Ratten es l\u00e4ngst raus. Niemals w\u00fcrden sie die allgemeine Akzeptanz ihrer fl\u00fcchtigen Pr\u00e4senz durch sowas wie ein gemeinsames Abendessen \u00fcberstrapazieren. Stattdessen haben sie sich, so wie die vielen anderen rastlosen Existenzen dieser Stadt, das Gebot der Entortung und Flexibilisierung gemein gemacht, ja, in gewisser Weise <\/span><span style=\"color: #000000;\">perfektioniert. Neben entrechteten Mieter*innen und Wohnungslosen, prek\u00e4r Arbeitenden und Studierenden, sind es Kunst- und Kulturschaffende, die sich notgedrungen eine Scheibe dieser verdorbenen Kompetenz abschneiden, um zu \u00fcberleben. Denn eloquent anmutende Begriffe, wie das <i>Fl\u00fcchtige<\/i> oder das <i>Ephemere, <\/i>die <i>Aktion<\/i> oder das <i>Ereignis <\/i>tarnen oftmals nur den Verlust benutz- und bezahlbarer R\u00e4ume und die Exklusion aus institutioneller F\u00f6rderung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Und doch gelingt einigen dieser parasit\u00e4ren Kunstpraxen die zeitweilige Einnistung in den gesellschaftlichen K\u00f6rper. Dabei ver\u00e4ndern sie nicht nur ihren Wirt, sondern auch sich selbst und k\u00f6nnen als Tr\u00e4ger*innen ambivalenter Eigenschaften gelten. Weil auch k\u00fcnstlerische Parasiten, \u00e4hnlich den tierischen, dem Paradigma des Selbstzwecks folgen, scheuen sie die Einf\u00fchlung in den dominanten Organismus nicht, solange sie der Ressourcen- und Materialfindung dient. Diese anf\u00e4ngliche Affirmation kann jedoch zu einer destruktiven Kraft werden, die die Blindstellen des Organismus besetzt und seine Stabilit\u00e4t ins Wanken bringt.<\/span><\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a><span style=\"color: #000000;\">2015 erhielt der kanadische K\u00fcnstler Joshua Schwebel ein Residenzstipendium mit dem es ihm m\u00f6glich wurde ein Projekt im K\u00fcnstlerhaus Bethanien in Berlin zu realisieren. Das einj\u00e4hrige Stipendium stattete Schwebel mit R\u00e4umlichkeiten und Geld aus, welche zur Recherche und Honorierung seiner k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit dienen sollten. Trotz vehementer Abwehr der beherbergenden Institution entstand die Arbeit <i>Subsidy <\/i>(dt: Zuschuss), die darin bestand die Arbeit der unbezahlten Praktikant*innen zu verg\u00fcten und die Verrichtung ihrer regul\u00e4ren T\u00e4tigkeiten in den Ausstellungsraum zu verlagern. Die unsichtbare und (selbst-)ausbeuterische Arbeit, die die meisten Kunstausstellungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich macht, wurde so sowohl f\u00fcr die Besucher*innen, als auch f\u00fcr die Institution selbst sichtbar gemacht. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Man k\u00f6nnte diese Praxis auch interventionistisch nennen, nur w\u00e4re sie ohne die Zuwendung und Partizipation an den im Kunstsystem \u00fcblichen Residenzprogrammen wohl nicht m\u00f6glich gewesen. K\u00fcnstlerischer Parasitismus ist weder an einer solchen moralischen Fragestellung interessiert, noch ist er apolitisch. Er n\u00e4hert sich der kapitalistischen Verwertungsmaschine, die auch das Kunstsystem regiert, an \u2013 <i>para- <\/i>aus dem lateinischen <i>neben, bei \u2013 <\/i>und entzieht ihr gleichzeitig einer ihrer wichtigsten Ressourcen: ihre (Be-)Deutungshoheit. Die Radikalit\u00e4t des k\u00fcnstlerischen Parasitismus besteht darin die Dilemmata k\u00fcnstlerisch-politischen Eingriffs nicht nur auszuhalten, sondern sich von ihnen zu ern\u00e4hren und sich der eigenen Involviertheit kritisch anzunehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Im Rahmen des Project Space Festival Berlin 2019 wird Joshua Schwebel die erste Pilotfolge einer Reality TV Show produzieren, in der die Bedingungen und Schwierigkeiten der Gr\u00fcndung und Etablierung \u00f6ffentlicher Kunstr\u00e4ume ersichtlich werden sollen. Die (Selbst-)Prekarisierung derer, die sich immer noch diesem Unterfangen widmen, ihre parasit\u00e4ren Strategien aber auch die omnipr\u00e4sente Gefahr des Scheiterns, beschreiben einige der m\u00f6glichen Schl\u00fcsselmomente dieser Auseinandersetzung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Wof\u00fcr Kunst- und Kulturschaffende sorgen k\u00f6nnen, sind St\u00f6rungen; das Aufbrechen der standardisierten Monotonien und glatten Oberfl\u00e4chen, die die realen Umst\u00e4nde k\u00fcnstlerischen und kulturellen Schaffens verdecken. Die offene Frage mit der die Fabel der beiden Ratten in Michel Serres' Buch <i>der Parasit <\/i>endet, lie\u00dfe sich dann, zugegebenerma\u00dfen etwas optimistisch, wie folgt beantworten: <i>Erst<\/i> kommt die Unordnung, <i>dann<\/i> eine neue, andere Ordnung.<\/span><\/p>\n<p>_________<\/p>\n<h6>Illustration Credits:<\/h6>\n<h6>CC <a href=\"https:\/\/cargocollective.com\/karolineachilles\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">karoline achilles<\/a>, 2019<\/h6>\n<h6>ig: @achillescartoons<\/h6>\n<p>Feben Amara hat Kunst-, Kulturwissenschaft und Germanistik studiert. Ihre Forschung umkreist die Wissensformationen postkolonialer Theorie, Transkulturalit\u00e4t und Resistance Studies. Im Rahmen des Project Space Festival Berlin 2019 arbeitet sie als Autorin und Redakteurin an textuellen Beitr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Dieser Beitrag ist zuvor in der<a href=\"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/en\/awc-no6\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Arts of the Working Class # 6 : <em>Art of Darkness<\/em><\/a> erschienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><div id=\"pgc-1305-0-2\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Stadtratte l\u00e4dt zum Mahle, auf t\u00fcrkischen Teppichen. Geladen ist die Landratte. Die beiden schmausen und knabbern Ortolanenreste. Es sind nur Reste, was so \u00fcbrigbleibt von einer Mahlzeit. [\u2026] Beim ersten Ger\u00e4usch an der T\u00fcr stieben die beiden Ratten auseinander. Es war nur ein Ger\u00e4usch, und doch eine Botschaft &#8211; wie eine Nachricht, die Panik s\u00e4t. 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