{"id":1656,"date":"2019-06-25T15:52:57","date_gmt":"2019-06-25T13:52:57","guid":{"rendered":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/?p=1656"},"modified":"2019-06-30T22:15:28","modified_gmt":"2019-06-30T20:15:28","slug":"boredoftomorrow-rishinsingh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/boredoftomorrow-rishinsingh\/","title":{"rendered":"Gelangweilt von morgen: Zeitgen\u00f6ssische Fiktion"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-1656\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-1656-0\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-1656-0-0\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><div id=\"pgc-1656-0-1\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-mobile-last\" ><div id=\"panel-1656-0-1-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-1656-0-1-0\" ><div class=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\">\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p><span lang=\"de-DE\">Am 27. Juni veranstaltet das Project Space Festival F\u00fchrungen durch das Gel\u00e4nde und die Geb\u00e4ude der ehemaligen Monopol-Spirituosenfabrik in Reinickendorf: halb verlassen, k\u00fcrzlich aufgekauft von einem bekannten \u201e<\/span><span lang=\"de-DE\">mid-career biennale artists<\/span><span lang=\"de-DE\">\u201c, bald ein Kunst und Co-Living Space \/ Gentrifizierungsinkubator, \u201enur 20 Minuten vom Alexanderplatz, dem Galerieviertel und vielen trendigen Bars und Caf\u00e9s\u201c. Ich werde einer der Tour-Guides sein.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Ich bin gelangweilt von der Zukunft, renne vor der Vergangenheit davon; bin deprimiert davon eine ununterbrochene Nachrichtenberichterstattung zu verfolgen, aber gierig danach, \u00fcber den ganzen Horror, der in der Welt passiert, noch im selben Moment Bescheid zu wissen, packe jedes schreckliche Ereignis in meine vorgefertigte politisch-\u00f6konomisch-moralische Analyse, berechne, um dann eine angemessen missbilligende Facebook-Wuttirade zu posten (jetzt mit dynamisch anschaulichen Hintergr\u00fcnden, die am besten \u00fcber die verst\u00e4rkten Echos dieses Schallraums geh\u00f6rt werden sollten).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">K\u00fcrzlich habe ich ein \u00fcberaus kritisches Essay \u00fcber 'Rasse' und zeitgen\u00f6ssische Musik gelesen, das eloquent all das ausdr\u00fcckte, was ich f\u00fchle, und es mit entschiedener Zustimmung auf meiner Timeline geteilt. Aus Angst vor der Zukunft, habe ich es zehn Minuten sp\u00e4ter wieder gel\u00f6scht und dabei schon alle m\u00f6glichen ausformulierten Diskussionen durchgespielt, an denen ich mich h\u00e4tte beteiligen m\u00fcssen: \u201eMacht mich in der Kommentarleiste fertig\u201c. Au\u00dferdem habe ich mir Sorgen gemacht, dass niemand es \u00fcberhaupt lesen, liken, kommentieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Ich versuche in dieser gegenw\u00e4rtigen Spannung zu leben. Ich versuche mir bewusst zu machen, was ich tue, mich in jedem prek\u00e4ren Moment auf jeden hyperventilierenden Atemzug zu konzentrieren. Debatten und Analysen in die materielle Wirklichkeit, offline, zu verschieben, hat sich als schwierig herausgestellt; denn der Augenkontakt oder gar die Aufmerksamkeit meiner Gespr\u00e4chspartner*innen ist tr\u00fcgerisch, denn sie sind alle mit ihren eigenen K\u00e4mpfen besch\u00e4ftigt, 280 Zeichen pro Anschlag, neue Salven, die in meine angestrebten Eloquenz eindringen und vibrieren. Es bringt allerdings nichts sich hier gegenseitig Schuld zuzuschieben. Wir haben alle unsere eigenen K\u00e4mpfe zu auszutragen.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Einer meiner Lieblingswitze \u00fcberhaupt (<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/621144631701410\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> der Link zum ganzen <\/span>Listicle<!-- [note to editor: please link \u201chere\u201d to the Facebook invitation for this event] --><span lang=\"de-DE\">) ist ein Weihnachtswitz. Oder ein Buddhismuswitz, ich kann mich nicht entscheiden. Bitte seid nachsichtig\u2026<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Q. Was hat Buddha an Weihnachten gesagt?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">A. Die Vergangenheit? Vergiss die Vergangenheit, sie l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern. Die Zukunft? Vergiss die Zukunft, sie l\u00e4sst sich nicht vorhersagen. Die Gegenwart? Vergiss das Pr\u00e4sent, denn ich hab\u2018 kein Geschenk f\u00fcr dich.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, passt der Witz eigentlich zum Geburtstag, Jubil\u00e4um, dem Valentinstag oder jedem Ereignis, an dem man sich etwas schenkt. Das macht\u2019s aber nicht weniger lustig, oder?<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Es gibt Gewinner*innen und Verlierer*innen der Gentrifizierung, genauso wie im \u201eContemporary Art Game\u201c, \u201e<\/span><span lang=\"de-DE\">mid-career biennale artists<\/span><span lang=\"de-DE\">\u201c und \u201emarket darlings\u201c sind wie die ersten Bitcoinspekulant*innen, die von Banken profitierten und sie sprengten, mit Bitcoins und in leerstehenden H\u00e4usern, in der gegenw\u00e4rtigen Spannung, in den Vororten, geografisch und in unserer Vorstellung. Jede*r kann gewinnen. Zum Verlieren braucht es Bescheidenheit, W\u00fcrde und Anstand. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Schiffshalter, auch \u201esucker fish\u201c genannt, sind kleine Fische, die sich an Haie, Schildkr\u00f6ten, Mantarochen, Wale und Seek\u00fche heften. Sie entfernen Ektoparasiten und lose Hautschuppen ihrer Wirte und bekommen daf\u00fcr Schutz und eine Mitfahrgelegenheit. Einst dachte man, dass sich Schiffshalter von den Essensresten ihrer Wirte ern\u00e4hrten, nun wurde allerdings bekannt, dass sie die Schei\u00dfe ihrer Wirte fressen. Tut euch keinen Zwang an, die Metapher auf andere Kontexte auszuweiten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">In einigen Kulturen in Ostafrika und Nordaustralien, benutzen die Leute Schiffshalter, um Schildkr\u00f6ten zu fangen. Sie binden eine Schnur um die Schwanzflosse und der J\u00e4ger \/ die J\u00e4gerin h\u00e4lt das andere Ende der Schnur. Der Schiffshalter wird ins Wasser gesetzt und folgt seinem Instinkt, eine der Schildkr\u00f6ten aufzusuchen, die bekanntlich in der Gegend herumschwimmen. Dieser Nutznie\u00dfer von Fisch h\u00e4ngt sich an die erste Schildkr\u00f6te, die er sieht und die starke Hand der Metapher, die das andere Ende der Schnur h\u00e4lt, holt sich beide.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Was bedeutet es, wenn das Project Space Festival, K\u00fcnstler*innen einl\u00e4dt, um F\u00fchrungen durch unsere gegenw\u00e4rtige Beziehung zu einem symbiotischen Wirtsk\u00f6rper \/ einen gespannt, gefr\u00e4\u00dfigen Zukunftsleviathan, zu geben? Wir sind das Kleingedruckte, performen nicht-k\u00fcnstlerische Handlungen, ohne abgetrennte nicht-k\u00fcnstlerische K\u00f6rper, Einkommen und Klassenbewusstsein; diese Arbeit kann nicht von \u00d6konomie getrennt werden. Ich habe keine Antworten darauf und werde wahrscheinlich auch keine haben, wenn es vorbei ist, weil ich mir nur die angespannte Zukunft vorstellen kann, nur noch eine Frage: \u201eSind wir der K\u00f6der oder der Haken?\u201c<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">_________<br \/>\n<\/span><\/p>\n<h6>Photo Credits:<\/h6>\n<h6>Ausflug zum Monopol. von Rishin Singh.<\/h6>\n<p>Text von:<\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a><span lang=\"de-DE\">Rishin Singh ist K\u00fcnstler und Musiker und lebt in Berlin. Er hat ein kompliziertes Verh\u00e4ltnis zu Sprache. <\/span><a href=\"https:\/\/www.rishinsingh.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span lang=\"de-DE\">www.rishinsingh.com<\/span><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div id=\"pgc-1656-0-2\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Juni veranstaltet das Project Space Festival F\u00fchrungen durch das Gel\u00e4nde und die Geb\u00e4ude der ehemaligen Monopol-Spirituosenfabrik in Reinickendorf: halb verlassen, k\u00fcrzlich aufgekauft von einem bekannten \u201emid-career biennale artists\u201c, bald ein Kunst und Co-Living Space \/ Gentrifizierungsinkubator, \u201enur 20 Minuten vom Alexanderplatz,<br \/><a class=\"post-read-more\" href=\"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/boredoftomorrow-rishinsingh\/\">&#9654;&#9654; Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1662,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_mi_skip_tracking":false},"categories":[3],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1656"}],"collection":[{"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1656"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1656\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1720,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1656\/revisions\/1720"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1656"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}