{"id":1713,"date":"2019-06-30T21:52:48","date_gmt":"2019-06-30T19:52:48","guid":{"rendered":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/?p=1713"},"modified":"2019-07-03T17:09:02","modified_gmt":"2019-07-03T15:09:02","slug":"disempoweryourself","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/disempoweryourself\/","title":{"rendered":"ENTM\u00c4CHTIGE DICH!"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-1713\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-1713-0\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-1713-0-0\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><div id=\"pgc-1713-0-1\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-mobile-last\" ><div id=\"panel-1713-0-1-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-1713-0-1-0\" ><div class=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\">\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p>Bei dem <a href=\"https:\/\/2019.projectspacefestival-berlin.com\/de\/stay-hungry\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mobilen Men\u00fc<\/a> der Projektinitiative <em>stay hungry<\/em> h\u00f6rte ich das erste Mal von den Trobriand-Inseln und ihren Bewohner*innen, in deren Gesellschaften es traditionell verp\u00f6nt ist, Hunger zu zeigen und Essen zu genie\u00dfen bzw. sich lange mit der Nahrungsaufnahme aufzuhalten. Indes gilt es im Westen als besonders bewundernswert, genussvoll zu essen und gleichzeitig diszipliniert ein Ma\u00df zu halten. Ich wei\u00df, dass manche Menschen denken, ich k\u00f6nne kein Ma\u00df halten, ich k\u00f6nne meinen Hunger nicht kontrollieren.<\/p>\n<p>So sieht Fruchtbarkeit aus: Fette Schenkel, fette H\u00fcften, fetter Arsch \u2013 mein waist-to-hip Ratio ist 0,64 d.h. meine H\u00fcfte ist fast doppelt so breit wie meine Taille und scheint damit f\u00fcr meine Au\u00dfenwelt auszudr\u00fccken, dass da ein Baby rein muss. Doch ich habe mich dagegen entschieden Mutter zu werden.<\/p>\n<p>Als ich feststellte, trotz Spirale schwanger geworden zu sein, riet mir der \u00e4rztliche Bereitschaftsdienst, mich in eine Notaufnahme zu begeben, um eine Eileiterschwangerschaft auszuschlie\u00dfen. Ich lief in das Virchow-Klinikum in Wedding, das um 1900 in einer Pavillonbauweise hochgezogen wurde. Nachts, zwischen den hell erleuchteten Eing\u00e4ngen, f\u00fchlte ich mich alleine, aber fr\u00fcher entsprach die Architektur dem Autonomiebed\u00fcrfnis der Chef\u00e4rzt*innen. (1)<\/p>\n<p>Autonomie, Selbstbestimmung oder Handlungsmacht. Diese Worte klangen f\u00fcr mich viele Jahre uneingeschr\u00e4nkt positiv. Genauso ging es mir mit dem Begriff des \u201eEmpowerments\u201c (<i>Selbsterm\u00e4chtigung<\/i>). Doch ist Selbsterm\u00e4chtigung etwas anderes als eine Form des Buhlens um Herrschaft? Das Selbst zu beherrschen ist das Gegenteil der Vorstellung des unkontrollierten, uners\u00e4ttlichen Ichs und trotzdem existieren sie in Einklang miteinander: Im neoliberalen Anerkennungsdrang, dem Hungrigsein nach Selbstverwirklichung oder, was noch viel perfider ist: der Hoffnung, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse beeinflussen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Als ich den 29 Projektinitiativen einen Fragebogen zum Thema Barrierefreiheit schickte, erhielt ich neun Antworten. Zun\u00e4chst von den queerfeministisch ausgerichteten, von Frauen* betriebenen Projektinitiativen. Ich erinnere mich, wie wenig \u00fcberrascht ich davon war, dass diese Initiativen so besonders gewissenhafte Antworten zur\u00fcckgeschrieben hatten. Das Personal, dem ich in der Notaufnahme begegnet war, war ausschlie\u00dflich weiblich. Sie arbeiteten leise, sie arbeiteten nachts.<\/p>\n<p>Auch wenn sich unsere Lebenserfahrungen stark unterscheiden, kenne ich es, Arbeit zu verrichten, die niemand sieht, bis in die lange Nacht hinein eine Hilfe zu sein und (Er-)Schaffen zu wollen. Ich bin keine Mutter geworden und trotzdem bin ich Teil eines verworrenen Geschlecht-\/Gesellschaft-Verh\u00e4ltnisses geblieben, indem das Helfen und Schaffen von freiwilligen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen weiterhin als weiblich und somit minderwertig betrachtet wird.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00f6chte ich vorschlagen neben Empowerment, also dem Kampf mit der Macht <i>um <\/i>Macht, auch die Momente der <i>(Selbst-)Entm\u00e4chtigung<\/i> zu denken, um neue Regeln f\u00fcr eine jenseits von Machtbeziehungen strukturierte Gesellschaft zu denken. Mutterschaft abzulehnen bedeutet f\u00fcr mich keineswegs sich nicht als Teil von Beziehungsgeflechten zu verstehen oder das Nicht-Zulassen von Abh\u00e4ngigkeiten, es hei\u00dft lediglich sich f\u00fcr einige <i>bewusst<\/i> zu entscheiden. F\u00fcr die 29 Projektr\u00e4ume, die dieses Jahr am Project Space Festival Berlin teilgenommen haben, hie\u00df (Selbst-)Entm\u00e4chtigung m\u00f6glicherweise das Zulassen von Nicht-Souver\u00e4nit\u00e4t durch das Verlassen des eigenen Territoriums; Entgegen eines Autonomiebed\u00fcrfnisses und im Sinne eines Hungrig-Bleibens.<\/p>\n<p>_________<\/p>\n<h6>Referenzen:<\/h6>\n<h6>(1) Wikipedia-Eintrag zum Pavillonstil: Stilmerkmale und Hintergr\u00fcnde.<\/h6>\n<h6>Photo credits:<\/h6>\n<h6><span lang=\"EN-US\">Stephan Zandt, <i>Yams, aesthetics of food and the ideal of a fulfilled life or: How to solve the problem of appetite<\/i>, Vortrag beim <i>Mobile Menu #09 \u2013 Digestive Matters<\/i>, 2019, Weichselplatz, Berlin Neuk\u00f6lln, eingeladen durch die nomadische Projektrauminitiative stay hungry.<\/span><\/h6>\n<h6>COVEN Berlins f\u00fcr das PSF Berlin 2019: PROBAND-WERDEN. Foto: Billie Sara Clarken.<\/h6>\n<h6>Ein Blick auf den Spielplatz des gyn\u00e4kologischen Pavillons des Virchow-Krankenhauses.<\/h6>\n<p>Text von:<\/p>\n<p>Amelie Jakubek ist K\u00fcnstlerin und Organisatorin mit einem Hintergrund in Bildender Kunst und Soziologie. Sie nutzt k\u00fcnstlerische und nicht-k\u00fcnstlerische Mittel, um die Beziehungen zwischen Einzelpersonen und kollektiven\/r Geschichte\/n, Strukturen und Verhaltensweisen zu verstehen. Sie arbeitet in Kollektiven, in Bildungskontexten, Kunstinstitutionen, im Verlagswesen und mit filmischen Ausdrucksweisen. F\u00fcr das PSF 2019 kollaboriert sie mit dem Kreuzberg Pavillon darin, das zu koordinieren, was getan werden muss.<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div id=\"pgc-1713-0-2\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dem Mobilen Men\u00fc der Projektinitiative stay hungry h\u00f6rte ich das erste Mal von den Trobriand-Inseln und ihren Bewohner*innen, in deren Gesellschaften es traditionell verp\u00f6nt ist, Hunger zu zeigen und Essen zu genie\u00dfen bzw. sich lange mit der Nahrungsaufnahme aufzuhalten. 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